Bundesregierung beschließt nationale Strategie für Rechenzentren
16. April 2026Die deutsche Bundesregierung hat am 18. März 2026 ihre nationale Rechenzentrumsstrategie beschlossen. Rechenzentren werden offiziell als kritische Infrastruktur für die digitale Transformation und die wirtschaftliche Sicherheit eingestuft. Ziel ist es, Deutschland bis 2030 zu einem der attraktivsten Standorte für Rechenzentren zu machen.
Die Nationale Rechenzentrumsstrategie (die „Strategie“) skizziert einen ehrgeizigen Ausbauplan, der bis 2030 eine Verdopplung der Gesamtkapazitäten sowie eine Vervierfachung der Kapazitäten für künstliche Intelligenz (KI) und Hochleistungsrechnen vorsieht. Dieser Ausbau soll durch ein umfassendes Bündel politischer Maßnahmen unterstützt werden.
Obwohl die Initiative Deutschlands Position als Standort für digitale Infrastruktur stärkt, handelt es sich weiterhin um einen unverbindlichen politischen Rahmen. Die konkrete Umsetzung und die daraus resultierenden Investitionen hängen maßgeblich von weiteren gesetzgeberischen und administrativen Maßnahmen ab.
Wichtigste Erkenntnisse
Die Nationale Rechenzentrumsstrategie stellt ein klares politisches Bekenntnis zum Ausbau der digitalen Infrastruktur Deutschlands und zur Stärkung ihrer Rolle im europäischen KI-Ökosystem dar.
Gleichzeitig bleibt sie weitgehend konzeptionell, da zahlreiche Maßnahmen noch weiter konkretisiert und umgesetzt werden müssen. Zwar stärkt die Strategie die strategische Investitionsperspektive erheblich, die wirtschaftliche Tragfähigkeit einzelner Projekte wird jedoch weiterhin davon abhängen, strukturelle Herausforderungen zu bewältigen – insbesondere in den Bereichen Energieversorgung, Genehmigungsverfahren und Kostenwettbewerbsfähigkeit.
Ambitionierte Kapazitätsziele
Deutschland strebt an, seine nationale Rechenzentrumskapazität bis 2030 (im Vergleich zu 2025) mindestens zu verdoppeln und die KI-spezifischen Kapazitäten zu vervierfachen. Dabei liegt der Fokus auf Nachhaltigkeit, regionaler Resilienz und digitaler Souveränität.
Begründet wird dieses Ziel damit, dass Hochleistungsrechnen und KI-Infrastrukturen eine zentrale Rolle für die Entwicklung innovativer Anwendungen, die Modernisierung der Wirtschaft und die Schaffung neuer Arbeitsplätze spielen. Die Strategie betont, dass eine zuverlässige und umweltverträgliche Energieversorgung, frühzeitige Standortplanung sowie die Nutzung von Wärmerückgewinnung entscheidend für einen nachhaltigen und resilienten Betrieb sind.
Ausländische Investitionen sind zwar ausdrücklich willkommen, jedoch liegt der Investitionsschwerpunkt auf der Förderung deutscher und europäischer Unternehmen sowie kleiner und mittlerer Unternehmen und Start-ups, um die lokale Wertschöpfung zu sichern.
Handlungsfelder
Energie und Nachhaltigkeit
Die Strategie zielt darauf ab, eine vollständig erneuerbare, bezahlbare und sichere Energieversorgung sicherzustellen, unterstützt durch effiziente Energiesysteme und die Nutzung von Abwärme. Zu den zentralen Maßnahmen zählen die Beschleunigung von Netzanschlüssen, die Überarbeitung von Zuteilungsverfahren, die Entwicklung flexibler Anschlussvereinbarungen sowie die Harmonisierung technischer Anforderungen auf EU-Ebene.
Zudem fördert die Strategie nachhaltige und energieeffiziente Rechenzentren, die auf erneuerbaren Energien, effizienter Kühlung und kreislauffähiger Hardware basieren. Wettbewerbsfähige Strompreise sollen durch staatliche Fördermaßnahmen, Preiskompensationsmechanismen und die Berücksichtigung der Lastflexibilität von Rechenzentren bei Netzentgelten erreicht werden.
Auf EU-Ebene werden diese Ziele zunehmend durch regulatorische Instrumente konkretisiert. So hat die Europäische Kommission im März 2026 einen Entwurf für eine delegierte Verordnung veröffentlicht, die ein einheitliches EU-Bewertungssystem für Rechenzentren vorsieht (einschließlich detaillierter Anhänge zu Effizienzklassen und Kennzeichnungsanforderungen).
Dieses Bewertungssystem basiert insbesondere auf Leistungskennzahlen wie der Energieeffizienz (PUE) und der Wassereffizienz (WUE) und wird durch ein standardisiertes Nachhaltigkeitslabel ergänzt. Ziel ist es, Transparenz zu schaffen, die Vergleichbarkeit zu erhöhen und Anreize für Effizienzsteigerungen in der gesamten Europäischen Union zu setzen.
Standort und Flächen
Die Verfügbarkeit geeigneter Standorte, frühzeitige Planung und der Ausbau der Infrastruktur bleiben zentrale Faktoren bei Standortentscheidungen für Rechenzentren. Zu den strategischen Zielen gehören die Identifizierung und Entwicklung geeigneter Flächen, die Einführung standardisierter Bewertungskriterien für Kommunen, der Ausbau der Telekommunikationsinfrastruktur sowie die Prüfung besonderer kommunaler Steuerverteilungsregelungen.
Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen durch „Praxischecks“, den Austausch bewährter Verfahren und verbesserte digitale Prozesse beschleunigt werden, ohne dabei Umweltstandards zu beeinträchtigen. Zudem wird eine engere Koordinierung zwischen Bundes-, Landes- und Kommunalbehörden angestrebt, um nachhaltige, effiziente und attraktive Standorte zu ermöglichen.
Technologie und Souveränität
Deutschland beabsichtigt, die nationale und europäische digitale Souveränität zu stärken, indem eigene Rechenzentren und Rechenkapazitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Mikroelektronik bis zur Software – ausgebaut werden.
Ziel ist der Aufbau einer souveränen und leistungsfähigen Infrastruktur für KI, Cloud, Edge und Hochleistungsrechnen (HPC), die Förderung innovativer, nachhaltiger und sicherer Rechenzentrumstechnologien sowie die stärkere Integration europäischer Hard- und Software.
Zu den Maßnahmen zählen unter anderem die Unterstützung mindestens einer KI-Gigafabrik, der Ausbau nationaler HPC- und Quantencomputing-Kapazitäten sowie die Förderung von Forschung im Bereich nachhaltiger und resilienter Rechenzentren.
Cybersicherheit und Resilienz werden als zentrale Aspekte kritischer Infrastruktur priorisiert. Gleichzeitig soll die öffentliche Verwaltung durch hybride, föderierte und europäische Cloud-Plattformen – einschließlich einer souveränen KI-Cloud – modernisiert werden. Die Plattform „Digitale Souveränität“ soll Start-ups, Industrie, Forschung und öffentliche Hand vernetzen, um souveräne Lösungen zu skalieren und die technologische Autonomie Europas zu stärken.
Einschränkungen und Herausforderungen
Die Strategie besteht überwiegend aus allgemeinen Zielsetzungen und enthält vergleichsweise wenige konkrete Maßnahmen. Zu den zentralen Herausforderungen zählen begrenzte Netzanschlusskapazitäten, hohe Stromkosten sowie eine unzureichende Verzahnung von Energie-, Stadt- und Wärmeplanung.
Auch die geplanten Änderungen des Energieeffizienzgesetzes und der Vorschriften zur Abwärmenutzung bleiben bislang vage. Zudem ist unklar, wie die Energieeffizienzanforderungen für Colocation-Betreiber in der Praxis umgesetzt werden sollen.
Darüber hinaus ist die Verfügbarkeit geeigneter Flächen in zentralen Regionen begrenzt, während Brachflächen häufig mit Kontaminationsrisiken verbunden sind, was zusätzliche Investitionsunsicherheiten schafft. Genehmigungsverfahren werden weiterhin als komplex und langwierig wahrgenommen, und frühere Beschleunigungsmaßnahmen haben bislang nur begrenzte Wirkung gezeigt.
Insgesamt adressiert die Strategie wichtige Ziele, lässt jedoch zentrale regulatorische, infrastrukturelle und marktbezogene Fragen offen, was ihre praktische Wirkung einschränkt. Vor diesem Hintergrund könnten neue EU-Regelungen eine entscheidende Rolle bei der Schließung bestehender Lücken spielen. Insbesondere der Entwurf der Kommission für eine delegierte Verordnung über ein gemeinsames EU-Bewertungssystem für Rechenzentren bietet einen konkreten Rahmen für harmonisierte Kennzahlen, Berichterstattung und Kennzeichnung. Das geplante EU-weite Bewertungssystem für Rechenzentren führt harmonisierte Kennzahlen und Berichtspflichten ein, die für Klarheit und Vergleichbarkeit sorgen könnten, die derzeit auf nationaler Ebene fehlen.
Ausblick
Angesichts des unverbindlichen Charakters der Strategie und der noch unklaren Ausgestaltung vieler Maßnahmen sollten Unternehmen in Deutschland und international die weitere Umsetzung aufmerksam verfolgen und sich aktiv an Konsultationsprozessen beteiligen.
Zudem empfiehlt es sich, die Entwicklungen auf EU-Ebene im Blick zu behalten, da Deutschland sich für harmonisierte Nachhaltigkeitsstandards innerhalb der EU einsetzen wird.
Besondere Aufmerksamkeit sollte dabei dem geplanten EU-Nachhaltigkeitsbewertungssystem für Rechenzentren gelten, das auf dem Entwurf der delegierten Verordnung der Europäischen Kommission vom März 2026 basiert und voraussichtlich zu einem zentralen Maßstab für regulatorische Compliance, Investitionsentscheidungen sowie ESG-Berichterstattung werden wird.
Wie wir helfen können
Die Anwältinnen und Anwälte von Morgan Lewis beraten Mandanten entlang des gesamten Lebenszyklus von Rechenzentrumsprojekten, einschließlich Standortwahl, Energieversorgung, regulatorischer Compliance, Finanzierung, Bau und Betrieb.
Unser multidisziplinäres Team unterstützt Entwickler, Investoren, Betreiber und Technologieunternehmen dabei, sich in komplexen und sich dynamisch entwickelnden rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa zurechtzufinden – insbesondere im Hinblick auf neue Anforderungen im Bereich Nachhaltigkeit und digitale Infrastruktur. Für weitere Informationen darüber, wie sich diese Entwicklungen auf Ihr Unternehmen auswirken könnten, oder für Unterstützung bei konkreten Projekten wenden Sie sich bitte an einen der unten aufgeführten Ansprechpartner.
Paulina Gerling (Transaction Specialist) hat zu diesem Artikel beigetragen.
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